Das Marmorkuchenmärchen

Damals stapfte Ferdinand also ziemlich ziellos durch die regenkalte Nacht und durchnäßt, wie er war klopfte er an Herrn Bongratzens Tür. Der alte Herr erhob sich, schlurfte langsam zum Schlupfloch und sah den Triefenden absolut unverhoffterdings und näßlicherweise um Einlaß in die trockenwarme Stube bitten. Herr Bongratz kniff die faltigen Äuglein zusammen, meinte "Hmmm" und ließ den Gast hinein. Er hängte dessen Kleider über den Ofen, wickelte ihn in warme Decken, stopfte die wasserkübeligen Schuh mit Zeitungspapier aus und lud Ferdinand zu Käse, Brot und Wein ein.

Wie dem so ging, Ferdinand blieb nicht nur die eine Nacht bei Herrn Bongratz, nein, er lebte drei Jahre mit dem Väterchen zusammen, wurde bald dessen Freund und Vertrauter, erledigte schließlich, als der Alte krank und bettlägerig wurde, dessen Geschäfte und am Sterbebett noch tat ihm der Greis mit brüchiger Stimme kund, daß er ihn nun als Sohn und Erben eingesetzt habe. Dann schloß er die Augen, schlief zum allerletzten Male ein.

Nachdem die Beerdigung und die Trauerwoche vorübergezogen waren, machte Ferdinand sich an die Arbeit, Haus und Garten wieder in Ordnung zu bringen. Und aufräumenderdings fand er in einer staubigen, alten Kiste eine kleine, grüne, noch viel verstaubtere Flasche, auf der in uralten Lettern geschrieben stand: "Das süße Leid des Lebens - bloß nicht öffnen!". Gewissenhaft, wie Ferdinand nun mal war, stellte er die Flasche wieder zurück und beschloß, das Ganze zu vergessen, was er mit der Zeit auch tat.

Viele Tage, Wochen und Monate spazierten recht geschäftig vorbei. Ferdinand lernte ein Mädchen kennen, lieben und schließlich schlossen die beiden den Bund des Lebens. Anne zog zu Ferdinand. Doch als sie die furchtbare Unordnung im Hause des ehemaligen Junggesellen erblickte, baute sie sich vor ihm auf, krempelte die Ärmel hoch und ellbogenspitz sagte sie: "Nun geh doch mal spazieren. Am besten ganz weit weg! Und daß du mir bloß nicht vor heute abend wiederkommst!" Sie gab ihm noch einen schnellen Kuß und er zog von dannen.

Anne war eine sehr gründliche Frau. Gewissenhaft stellte sie das ganze Haus auf den Kopf, sortierte aus, schichtete um, staubte ab, bekämpfte riesige Spinnen mit ihrem Besen und fand natürlich auch die alte Kiste des Herrn Bongratz. In der Kiste befand sich neben allerlei Krimskrams auch die kleine, grüne Flasche mit der Aufschrift. "Das süße Leid des Lebens - bloß nicht öffnen!".

Anne war nicht nur gründlich und gewissenhaft, sondern auch etwas neugierig. Sie tat das Verbotene und aus der Flasche strömte ein Duft, so herrlich, wie nur frischgebackener Marmorkuchen riechen konnte. Dieser Duft schlich sich in ihre Nase, wieder heraus, um sich dann, die Freiheit suchend, im ganzen Land zu verbreiten.
Als Ferdinand des abends heimkehrte, wurde er mit einem nicht ganz so schnellen Kuß und frischem Marmorkuchen empfangen. Im Fenster stand eine grüne Blumenvase mit der Aufschrift. "Das süße Leid des Lebens - bloß nicht öffnen!". Als er sie daraufhin ansprach, beichtete Anne ihm alles und weil sie nicht nur gründlich, gewissenhaft und neugierig, sondern auch ziemlich liebenswürdig war, konnte Ferdinand ihr gar nicht so recht böse sein und nach einem etwas längeren Kuß machten sich die beiden daran, den köstlichen Kuchen zu verspeisen.

Doch nicht nur bei Anne und Ferdinand duftete es nach frischem Marmorkuchen, nein, in allen Häusern des Landes wurden an diesem Abend die herrlichsten Kuchen auf die genüßlichste Art verschmaust und verschmatzt. Auch den ganzen nächsten Tag taten die Leute nichts anderes, als Kuchen zu verschlingen, und auch den übernächsten und den überübernächsten und so weiter und so fort.

Vor lauter essen wurden alle dicker und träger und dicker und träger. Sie vergaßen ihre Arbeit, ließen die Tiere verhungern und die Ernte vergammeln. Weil auch das Getreide für die Marmorkuchen ausging, mußte es importiert werden. Die Auslandsschulden stiegen. Schließlich fraß die Inflation sogar die Konten der Bürger !!
Dann, drei Monate nach dem unheilbringenden Vorfall, träumte der nun birnenförmig fette Ferdinand, er wäre Herrn Bongratz begegnet. "Junge", hätte dieser zu ihm gesagt, "Junge, du mußt zur Insel Feuerfels gehen, denn dort haust der schreckliche Grotz, der noch viel fürchterlicher ist, als sein Name. Nur er besitzt das Gegenmittel." So träumte ihm und am nächsten Tag machte er sich auf die Reise.

Um zur Insel Feuerfels zu gelangen, mußte er die 13 Gluggerseen durchschwimmen. Er mußte das Gebirge Knochenfreß erklimmen, mußte 13 Tage durch die Wüste Gähn taumeln und schließlich mit einem Ruderboot durch das Südeitrige Meer treiben.
Irgendwann erreichte er die Insel Feuerfels. Stumm und steinig lag sie da. Wie ein Drachengebiß mit Karies. Ferdinand - inzwischen dünn und ausgemergelt - machte sich auf die Suche nach dem schrecklichen Grotz. Er war noch nicht weit gegangen, da überrollte ihn plötzlich ein gewaltiger Rülpser, gefolgt von einem schier unerträglichen Komposteimergeruch. Mutig schlich Ferdinand sich um und durch die schweren Felsen und schon bald stand er hinter dem ekelerregenden Riesen, der gerade eine Kuh zwischen Daumen und Zeigefinger hielt und sein grausames Maul aufriß, um die arme Milchspenderin mit einem Schluck die Speiseröhre hinunterflutschen zu lassen.

Ferdinand stand da wie erstarrt vor lauter Furcht. "Ho! Ein Snack!", schrie da der gräßliche Grotz. Er rülpste, packte das Menschlein und schob es in sein riesiges Maul. Er wollte ihn schon hinunterschlucken, doch Ferdinand klammerte sich mit beiden Armen an einen Backenzahn des Grausamen und begann, mit den Füßen gegen dessen Gaumen zu treten. Das kitzelte den Grotz. Er mußte lachen und spuckte Ferdinand wieder in hohem Bogen aus.

Glücklicher- und zufälligerweise polterte er genau neben einer kleinen roten Flasche auf den steinigem Boden. Sie trug die Aufschrift: "Zauberessig - verdammt bitter!" Schnell steckte er sie ein, rannte in Sturmböeneile zu seinem Ruderboot und paddelte was das Holz hielt los. So von seiner Angst beflügelt erreichte er binnen sieben Tagen seinen Heimatort.

Dort packte er die Flasche aus, entkorkte sie, und aus ihr entwich ein angenehm saurer Duft, der ihm in die Nase zog, wieder heraus, um sich dann, die Freiheit suchend, im ganzen Land zu verbreiten. Dann endlich konnte Ferdinand seine kugelkringeltonnenrunde Frau umarmen, die nun endlich aufgehört hatte, Marmorkuchen zu essen.

Im ganzen Land wurde der Kuchen beiseite geschoben. Die Bauern sprangen auf ihre Felder, die Kühe wurden wieder gemolken, mit der Zeit stabilisierte sich sogar die Wirtschaft und die Leute wurden zusehends ranker und schlanker.

An einem kalten, regennassen Abend gingen Anne und Ferdinand zum Grab des alten Herrn Bongratz, pflanzten eine sanfte Mohnblume und flüsterten leise: "Danke."